Professor Dr. Ulrich Gebhard ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg. Er forscht auf dem Gebiet „Kind und Natur“ unter besonderer Berücksichtigung der Bedeutung der Naturerfahrung für die psychische Entwicklung von Kindern. Im Interview erklärt der Wissenschaftler, warum das Naturerlebnis für die kindliche Entwicklung gut ist.
Warum und inwiefern ist die Natur für Kinder gut?
Beim Spielen in freier Natur können Kinder ihrer Fantasie freien Lauf lassen und die Natur mit allen Sinnen erforschen. Das Bedürfnis nach Abenteuer und Freiheit und die kindliche Neugier werden befriedigt. Bei Befragungen ist herausgekommen, dass Frei- und Brachflächen oder Ruinen bei Kindern am beliebtesten sind, also all die Flächen, die weder städtebaulich noch von Erwachsenen geplant sind, wozu beispielsweise ein Abenteuerspielplatz zählt.
Andererseits befriedigt die Natur das Bedürfnis nach Vertrautheit und Sicherheit: Der Baum, die Wiese etc. sind immer da. Indem die Natur Sicherheit vermittelt, beruhigt sie, was bis hin zu Blutdruckmessungen nachweisbar ist.
Was können Kinder draußen in der Natur lernen?
Zunächst einmal lernen sie natürlich etwas über die Natur an sich und zweitens machen sie glückliche Erfahrungen, wenn sie völlig frei und ungezwungen spielen, toben, forschen und entdecken können. Drittens fördern positive Naturerfahrungen in der Kindheit ein späteres Umweltbewusstsein.
Die Natur als Fitnessstudio? Schult das Spiel in der Natur die kindliche Motorik?
Mit dieser Frage beschäftigen sich die Sportwissenschaftler. Sie sagen, dass die verstädterte Jugend nur noch eingeschränkte motorische Fähigkeiten hat. Zahlreiche Studien belegen, dass die Kinder in Deutschland immer dicker werden, was unter anderem auf Bewegungsmangel zurückzuführen ist.
Aber man kann sicher sagen, dass das Spielen in der freien Natur mit Hüpfen, Springen, Balancieren, Kriechen und Ähnlichem die motorischen Fähigkeiten mehr und vor allem vielfältiger schult als das Sitzen vor dem Computer oder das Fahrradfahren.
Wie beurteilen sie den Trend der Wald- und Naturkindergärten?
Es ist sicherlich ein interessanter Ansatz und es ist auch gut, dass es so etwas gibt. Heutzutage sind diese Kindergärten ja nicht mehr so radikal wie in den Anfängen, wo die Kinder den ganzen Tag, auch bei starkem Regen, nicht rein durften. Das halte ich für übertrieben, denn Kinder brauchen nicht nur Natur, sondern auch Kultur. Immer mehr herkömmliche Kindergärten schließen sich an und integrieren Freiflächen, Waldtage und ähnliches.
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